„Mach’s industriell!“

Brot & Stulle, Hamburg

Die Schanze in Hamburg ist kein Stadtteil, sondern ein Lebensgefühl: autonom, bunt, multikulti. Wer es begreifen will, muss hier leben. So wie Thorsten Knoop, einer der beiden Geschäftsführer von „Dat Backhus“, Hamburgs größtem Filialbäcker. Er kennt die Schanze wie seine Westentasche und die Leute hier kennen ihn.

 

Als Thorsten Knoop die Idee hatte, in der neuen Rindermarkthalle eine Bäckerei zu eröffnen, wollte er ein Ladenkonzept, das zur Schanze passt: Keine Snacks, sondern Stullen. Ohne Chichi, aber mit Geschmack. So entstand Brot & Stulle.

Schanzenfest 1 3000

Die ticken einfach anders.

Und immer wenn es speziell wird bei einer der zahlreichen neuen Filialen von „Dat Backhus“, ist für Knoop die Konzeptwerkstatt gesetzt: „Die ticken einfach anders.“ So auch jetzt.

 

Das Briefing für Brot & Stulle war ein Spaziergang durch die Schanze. Gemeinsam mit Axel Becker, dem Chef-Designer der Konzeptwerkstatt, strich Thorsten Knoop durch das Hamburger Quartier, das keine Stadtteilgrenzen kennt. Er zeigte ihm die Läden und Kneipen, von subversiv bis souterrain. Dazu die Eindrücke von der Baustelle der Rindermarkthalle, ein geschichtsträchtiger Ort, der sich vom früheren Viehmarkt der Hansestadt zum wetterfesten Wochenmarkt mit Dach überm Kopf für die Menschen in der Schanze entwickeln sollte.

Brotschmiede mit Laufkatze

Nach dieser „Druckbetankung“ hatte Axel Becker sofort ein Bild im Kopf: Brotschmiede.

 

Hier sollte in Zukunft geknetet und geknechtet, gebacken und gegessen werden. Zwei Öfen und eine deckenhohe Esse bilden den „Altar“ von Brot & Stulle. Hier wird das Brot gebacken, das anschließend über eine mit Kistendeckeln verkleidete Ladentheke geht. Oder gleich an den Tischen vor Ort gefuttert wird.

 

Und: Laufkatze. Für die Ungeübten: Eine Laufkatze ist ein kleiner Krahn mit Kettenzug, an einem Stahlträger in einer Industriehalle angebracht, mit dem größere Lasten von Hand bewegt werden können, indem an der Last oder am Haken des Kettenzuges gezogen wird und die „Katze“ am Stahlträger automatisch mitrollt. Eine Laufkatze fand die Konzeptwerkstatt über ebay in Dresden. Der Neffe vom Hausmeister der Konzeptwerkstatt holte sie persönlich ab und schüttete sie – bzw. das was davon übrig war – dem Schlosser auf den Tisch: „Mach fertig!“

„Machen!“ war auch die spontane Reaktion von Thorsten Knoop, als er den ersten (Ent-)Wurf von Axel Becker sah. Und wenn man Skizze und Laden heute vergleicht, findet man kaum Unterschiede.

 

Und „Mach’s industriell“ wurde zum geflügelten Wort unter den Handwerkern auf der Baustelle, wenn es mal wieder darum ging, den industriellen Charakter des Ladens zu erhalten, zum Beispiel wenn Leitungen nicht unter, sondern über Putz verlegt werden sollten.

Esst mehr Brot!

Der Hingucker von Brot & Stulle ist ein Spruch an der Wand, neudeutsch: Claim oder Slogan, der aus dem Bühnenbild eines Nachkriegsdramas von Wolfgang Borchert stammen könnte: „ESST MEHR BROT!“ steht da meterhoch an der Wand – gestaltet, wie übrigens sämtliche Wände bei Brot & Stulle, von der Grafikwerkstatt in der Konzeptwerkstatt.

 

Brot & Stulle ist ein Hamburger Original geworden, das mit dem neuen Modewort „urban“ nur unzureichend beschrieben ist. Man muss es erlebt haben. Wer nach Hamburg kommt, sollte sich diese Schanze nicht entgehen lassen.

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